Corona-Krise: Sars-CoV-2, ein neuartiges, für Menschen gefährliches Virus, das wie SARS zum Stamm der Coronaviren gehört, hat sich schnell global verbreitet, Millionen von Menschen infiziert, über 150’000 getötet und in diversen Ländern, u.a. der Schweiz, zu einem nationalen Notstand und zum Stillstand des öffentlichen Lebens – einem Lockdown – geführt. Der Bundesrat hat darum beschlossen, den Kantonen ein Kontingent von 850’000 Diensttagen des Zivilschutzes zur Verfügung zu stellen. Einer dieser Zivilschützer bin ich, und dies ist mein Einsatz.

von Tobias Casagrande, KME-Basisjahr, Juni 2020

Schockmoment

Da die Schule geschlossen ist, findet der Unterricht digital statt. Mittels Videoübertragung hält ein Schulkollege gerade seinen Geschichtsvortrag, als mein Mobiltelefon klingelt. Ich schiele kurz darauf, um zu sehen, wer mich wohl während der Schule stören würde, und erschrecke. Auf dem Display steht: „ZIVILSCHUTZ ALARM“. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, und das war mir auch bewusst. Die Corona-Krise ist sich immer noch am Zuspitzen, ein Einsatz war deshalb absehbar.

Etwas mulmig ist mir aber schon, als ich den Alarm entgegennehme. Eine krakelige Computerstimme spricht: „ZS3.12: Unterstützung Partnerorganisation. Rückruf auf Tel. XXX XXX XX XX“. Mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken, vielleicht aufgrund der plötzlichen Erkenntnis, dass es nun ernst wird. Ich werde eingezogen und aus meinem Alltag gerissen, weg von der Schule, von der Arbeit, ins kalte Wasser geworfen, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, was mich erwarten könnte. Wie erfordert rufe ich den Stützpunkt an und bekomme meine Dienstzeit zugeteilt, und dazu ein komisches Gefühl im Magen. In weniger als einer Woche werde ich irgendwo irgendwelche meinem Alltag völlig fremde Arbeiten verrichten, möglicherweise mitten unter Infizierten. Ich werde es früh genug – beim Briefing – erfahren.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Das Briefing beginnt. Die Tische sind Corona-konform angeordnet, jeder hat beidseitig zwei Meter Abstand zum Nächsten. Der Kommandant begrüsst uns und informiert uns über die Lage. Wir seien noch nicht über dem Berg, es würde nach wie vor ein Anstieg der Fallzahlen erwartet. Aktuell wären mehrere Zivilschützer im Einsatz, die bei Spitälern der Region Eingangskontrollen und andere Hilfestellungen durchführten. Weitere Hilfe wird in zwei verschiedenen Institutionen benötigt: einerseits in einem Altersheim und meinerseits im Sanatorium Kilchberg.
Sanatorium – dieses Wort! Mir schwebt das Bild eines Altersheims vor – wir leisten oft Dienst in Altersheimen –, bis der Kommandant von diversen psychischen Krankheitsbildern zu sprechen beginnt und ich mich allmählich frage, was mit diesen armen Alten denn nicht stimmt. Und dann macht es auch bei mir „Klick“ und ich realisiere, dass ich zu einem potenziell hochinteressanten Einsatz aufgeboten bin. Nichts mit Altersheim! Es geht in eine psychiatrische Klinik! Ich bin überwältigt ob dieser Erkenntnis, etwas nervös, da ich grossen Respekt vor einer solchen Aufgabe habe, vor allem, da ich noch nie eine solche Institution von innen gesehen und deswegen nicht die leiseste Ahnung habe, was mich hier erwarten könnte.

Das Briefing endet mit: «Dienstbeginn direkt vor Ort.»

 

 

Vor Ort

Nach dem Frühstück mache ich mich mit reichlich Zeitreserve auf den Weg. Die Sonne scheint, und ich geniesse die Fahrt mit meinem Motorroller. Die situationsbedingt leergefegte Strasse, dem Zürichsee entlang stadtauswärts in Richtung Wollishofen, die normalerweise unter der Last des täglich ein- und ausfallenden Pendlerverkehrs ächzt und deren Belag seine besten Tage definitiv hinter sich hat, gleicht einem alten Wasserhahn, der zu seinen glorreichen Zeiten noch viel Wasser
zu transportieren vermochte, nun aber beim Zudrehen nicht mehr ganz dicht ist. Und so kommen mir tröpfchenweise Autos entgegen. Die Fahrt dauert gerade einmal 13 Minuten und schon treffe ich beim Einsatzort ein.

Die Klinik erinnert stark an eine Villa, hat einen grosszügigen grünen Umschwung und befindet sich in Seenähe. Die Parallelen zu Dürrenmatts «Die Physiker», die wir kürzlich in der Schule thematisierten, bringen mich zum Schmunzeln. Der rote Teppich im Eingangsbereich sticht angesichts der weissen Gänge heraus und verleiht der Monotonie ein Stückchen kräftige Farbe.

Nach dem Unterzeichnen der Schweigeverpflichtung – ich unterstehe jetzt offiziell dem Strafrecht – holt mich die Lernende der Station ab, wo ich helfen werde. Sie zeigt mir die Station, die primär mit Patienten mit Depressionsthematik belegt ist. Die weissen Gänge sind gesäumt von 16 Zimmern, wovon acht Seeblick bieten. Die Station verfügt über zwei Aufenthaltsräume für die Patienten, eine Küche, ein Stationszimmer und einen kleinen Personalraum. Da und dort macht sie mich noch mit meinen Arbeitskolleg-/innen-temporis bekannt und verpasst mir eine Maske, wie sie hier das gesamte Personal tragen muss.

Sie erklärt mir meine Aufgaben: Unter anderem Essensbestellungen im Computersystem eingeben, Tische decken, Essen ausgeben, generell für Sauberkeit und Ordnung sorgen. Das sind alles Dinge, die gemacht werden müssen, jedoch auch Ressourcen binden, die nun durch mich gedeckt werden sollen. Sie erzählt mir auch ein wenig über sich selbst, wie sie zu dieser Lehrstelle gekommen sei und über die Herausforderungen. Zum Beispiel, dass sich erst kürzlich ein Patient das Leben genommen habe. Dies sei für die Pflegenden schwierig, denen so etwas ja auch nahegehe, obwohl Patienten auf dieser Station im Schnitt nur gerade etwa drei Wochen verweilen. Und wie sie mir alles zeigt und erklärt, wird es auch schon Zeit für die Vorbereitungen für das Mittagessen. Tische decken, den Essenswagen entgegennehmen und die Behälter in die beheizte Schöpfwanne räumen.

Und dann kommen sie, die Patienten, und damit mein erster Kontakt zu ihnen, mit ihnen. Mein Versuch, besonders freundlich zu sein, lässt mich eher etwas unbeholfen wirken. Es wird nicht besonders viel gesprochen, die Patienten holen ihr Essen und setzen sich an einen der wegen der Corona-Krise zehn limitierten Plätze. Soweit so gut, doch eine Patientin beschwert sich über ihr Menü und ich frage einen Pfleger um Hilfe. Er erklärt mir später, dass diese Patientin manchmal sehr anspruchsvoll sein könne. Ich ahne nicht, wie sie noch auffallen wird. Eine alte Militärweisheit besagt, dass man Menschen mit Mängeln jedweder Art in Bezug auf Essen oder Schlaf hervorragend missmutig machen kann. Vorerst bin ich also froh, dass meine erste Essensausgabe mehrheitlich gut funktioniert hat.

Storys einer Pflegerin

Immer an einem Nachmittag in der Woche findet nach dem Rapport eine Befindlichkeitsrunde statt, in der sich die Pflegenden austauschen. Dies sei eine Strategie der «Psychohygiene»: dem Schutz und des Erhalts der psychischen Gesundheit, erklärt mir die Lernende, und nimmt mich mit in das grosse Aufenthaltszimmer.

In der Runde soll jeder seinen Gemütszustand mit einer Zahl von 1-10 einschätzen und kundtun. Wer mag, kann noch etwas dazu sagen. Ich gebe mir eine Sieben, schliesslich freue ich mich, hier zu sein und helfen zu können. Der Reihe nach offenbaren die Pfleger ihre Zahlen und bei einer Pflegerin drücken alle plötzlich ihr Beileid aus. Es stellt sich heraus, dass sie die Bezugspflegeperson des vor kurzem suizidierten Patienten ist. Für einen Moment steht die Zeit still, die Sonne scheint durch das Fenster und die vorher angenehm warme Luft wird plötzlich so dick, dass man sie ohne weiteres filetieren könnte. Angesichts dieser Situation bekomme ich ernsthafte Zweifel, ob ich zu meiner Sieben noch etwas sagen sollte. Ich bin hin- und hergerissen; wirkt das nicht zu fröhlich? Ist das angemessen? Der Mut verlässt mich, die Runde wird geschlossen.

Etwas später, als ich im kleinen Personalraum sitze und gerade dabei bin, Essensbestellungen in das Computersystem einzutragen, kommt die Pflegerin, die kürzlich ihren Patienten verloren hat, herein. Ich schaue sie an und sie mich, und bevor ich es besser hätte formulieren können, höre ich mich sagen: «Was sagt man sich da?». Sie schaut mich verdutzt an und fragt, was ich damit meine. Ein beklemmendes Gefühl kriecht in mir hoch, viel ungeschickter hätte ich wohl nicht fragen können. In einem zweiten Versuch frage ich, wie man mit einer solchen Situation – dem Suizid eines Patienten – umgehe. Sie erklärt mir geduldig und freundlich, dass es wichtig sei, darüber zu reden. Und dass es oft Menschen seien, von denen man es eben genau nicht erwarten würde. Das sei tatsächlich schwierig. Aber darüber reden sei sehr wichtig. Ihre Erklärungen haben etwas sehr Eindrückliches:

Fassungslos und doch gefasst, überrascht und doch lehrreich, aufgewühlt und doch ruhig, und in jedem Moment auf Augenhöhe. Ich höre ihr einen unendlichen kurzen Moment zu und bedanke mich am Ende für ihre Offenheit, bevor wir uns wieder an die Arbeit machen.

Im Stationszimmer, wo ich hingehe, wenn ich einen Moment nichts zu tun habe, versuchen zwei Pflegende gerade der Patientin, die sich vorher wegen dem Essen beschwert hat, etwas zu erklären. Jedoch gibt es sprachlich gewisse Erschwernisse. Doch da ich eine der Sprachen, die sie spricht, auch beherrsche, kann ich als Dolmetscher und vielleicht sogar ein bisschen als Mediator fungieren. Die Situation entspannt sich und die Patientin wird mir gegenüber fortan positiv begegnen. So eine Funktion als «Halbauswärtiger» kann durchaus praktisch sein, so kann ich eine Art Zwischenfunktion einnehmen. Und es ist ohnehin gut, wenn man mit Patienten und Pflegenden gut auskommt. Denn Patienten sind ja nicht grundlos hier, daher ist positive Stimmung, wo immer möglich, sicher hilfreicher als Konflikte. Und von den Pflegenden andererseits kann man mit etwas Offenheit sehr viel lernen. Zum Beispiel, dass es in der Psychologie durchaus schwierig sein kann, eine eindeutigeDiagnose zu stellen. Blutdruck messen? Kein Problem. Blutzucker, Herfunktion, Hirnströme? Kann man alles ganz einfach messen. Die Psyche? Leider nicht.

Wenn ich gerade Zeit habe – und davon habe ich viel, da sich meine Kernaufgaben um das Mittag- und Abendessen drehen – löchere ich die Pflegenden mit Fragen. Sie haben teilweise interessante Anekdoten auf Lager, deren zwei mir eine Pflegerin zum Besten gibt: Sie sei einmal mit einer Patientin einkaufen gegangen, als diese plötzlich hemmungslos und quer durch den ganzen Laden «Schweeeeester» rief und der Pflegerin die Schamesröte ins Gesicht trieb. Noch heftiger war aber, dass die gleiche Patientin einem Schuhmacher ihre Schuhe anschmiss, in der Meinung, dieser habe etwas an ihren Schuhen verändert, das er nicht hätte tun sollen. Ich klebe der Pflegerin so an den Lippen, dass ich beinahe die Zeit vergesse und sie mit Bedauern unterbrechen muss, denn wie bereits erwähnt, mit Mängeln beim Essen (und Verspätung gehört dazu) kann man Menschen sauer machen. In Windeseile bereite ich das Abendessen vor und habe Glück, dass die Handgriffe rasch sitzen.

Solche Tage, mit so vielen Sinneseindrücken, sind streng und machen müde. Und so bin ich jeweils auch froh, nach der Abendessensausgabe Feierabend machen zu können. Einmal erhalte ich gar ein Kompliment für die geleistete Arbeit. Ich sei ein «guter Mann», sagt mir eine Pflegerin des Spätdienstes, und dass sie froh um mich seien. Das tut gut, denn als Externer bin ich mir teilweise nicht so sicher, woran ich bin, ob ich wirklich eine Hilfe oder doch eher eine Last bin, da man mir ja auch vieles noch erklären muss.

Offenheit zahlt sich aus

Im Verlaufe der Zeit wächst in mir das Bedürfnis, meinen Kontakt zu den Patienten zu optimieren. Bei der Essensausgabe gibt es jeweils nur kurze Gesprächsfenster – wenn überhaupt – und auch sonst halten sich die Interaktionen im Rahmen. Da und dort etwas Smalltalk, o.k., aber es wäre schade, wenn ich die Zeit – die ich ohnehin hier bin – nicht für die Patienten nutzen würde. Denn eine Pflegerin hat einmal treffend formuliert: «Deine Zeit gehört den Patienten». Und sie hat recht gehabt. «Unterstützung der Pflege und sich Zeit nehmen für die Patienten», so soll mein neues «Einsatzmotto» lauten.

Und so setze ich mich an einem Nachmittag in den noch leeren grossen Aufenthaltsraum, in der Hoffnung, vielleicht mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Die Freude ist ebenso gross wie die Nervosität, als jemand den Raum betritt und mich anspricht. Ich stelle mich und meine Funktion hier vor und sie erklärt mir, dass sie ein sogenannter «Peer», englisch für «Kollege», «Ebenbürtige/r», «seinesgleichen» sei, also jemand, der selbst «eine Diagnose habe» und mit Patienten quasi aus Erfahrung und auf einer anderen Ebene helfen könne.

Wir kommen ins Gespräch und ich erkläre ihr, dass ich nicht so recht wisse, wie ich mit den Patienten umgehen solle, falls es zu einer tieferen Interaktion komme, da ich in ihnen nicht etwas Negatives triggern, «auslösen» wolle. Sie erklärt mir, dass es wichtig sei, offen, ehrlich, geduldig und vor allem authentisch zu sein und nicht etwas vorzuspielen. Denn das würden die Patienten sofort spüren. Und es sei wichtig, mit dem Team darüber zu sprechen, wenn ich etwas hören sollte, das mich belastet. Das sei wichtig für die Psychohygiene. Dieses Wort! Es klingt so modern und gezüchtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Gespräch mit dem Peer ist das letzte Puzzleteil zur Entfaltung meiner neu gefassten Einstellung. Dies sollte meine Zeit hier signifikant verändern, denn tatsächlich, die anfängliche Distanzierung beginnt zu bröckeln und es folgen immer mehr und persönlichere Gespräche mit den Patienten. So erfahre ich zum Beispiel von jemandem, dass er Physik studiert habe. Dass ich einen Moment brauche, um die erneute Parallele zu Dürrenmatts Komödie zu erkennen, erspart mir wohl ein peinliches Grinsen.

Es gibt sie natürlich auch hier, die lustigen Momente, und zwar je länger je mehr. Mir ist nämlich aufgefallen, dass die ursprünglich eher verhaltene Stimmung der Patienten mit fortschreitender Zeit besser geworden ist, fröhlicher, lebendiger. Es ist eine positive Gruppendynamik festzustellen. Dies hat sicher auch mit dem häufigen Wechsel der Klientel zu tun, der hier herrscht. Man hat mich darauf hingewiesen, dass die Stimmung im Wochen- teilweise sogar im Tagestakt wechseln könne.

Und es gibt auch die etwas spezielleren Momente, die wohl so manch einer für «typisch Psychiatrie» hält: Einmal nach dem Mittagessen bin ich gerade im Begriff, einen kleinen Rundgang durch den Garten anzutreten. Mit meiner Dienstkleidung, der Zivilschutzuniform – die im Dienst immer zu tragen ist, ausser der Auftraggeber wünscht explizit ein anderes Tenue –, falle ich auf wie ein olivfarbener Hund. Sie verfehlt ihre Wirkung nicht, denn ehe ich einen Schritt in Richtung Garten machen kann, spricht mich eine junge Frau in ziemlich direktem und scharfem Ton an, ob ich Rettungssanitäter sei. Ich verneine, worauf sie nachfragt, was ich hier tue – ihre Ausdrucksweise hat eher etwas von «was ich hier zu suchen habe». Als ich ihr erkläre, dass ich hier sei, um die Pflege zu unterstützen und entlasten, zitiert sie mich auf ein neben ihr stehendes Bänkchen und beginnt sogleich mit der Konversation und präsentiert mir währenddessen einen Regenbogen, den sie mit kleinen Steinen auf einer Mauer zurechtgelegt hat.

Etwas zurückhaltend frage ich sie: «Was machen

Sie sonst so, wenn ich fragen darf?» und sie erwidert unmittelbar: «Sie dürfen alles, wirklich alles fragen!», und beginnt mir zu erzählen, was sie im Leben machte, bis sie wieder in diese «Anstalt» kam und sich hier «gefesselt, mit Medikamenten vollgepumpt und als Versuchskaninchen» fühle. Etwas beklemmt frage ich kurz nach, ob sie sich da sicher sei und spüre aus ihrer Antwort, dass ich das Thema besser bleiben lasse. Sie lässt sich neben mich aufs Bänkchen plumpsen und fordert: «Erzählen Sie mir etwas Schönes». Tausend Gedanken schiessen mir durch den Kopf. Was soll ich ihr Schönes erzählen? Wie wunderbar doch das Leben sei?  «Wäre das nicht heuchlerisch?», frage ich mich. Auch sonst weiss ich gerade wirklich nicht, was sagen, und so atme ich tief ein und gebe mir eine unendliche Sekunde. Und wie wir hier sitzen und ich gen Baumkrone starre, die uns Schatten von der Mittagssonne spendet, und eine warme Brise an mir vorbeifliesst, höre ich die Vögel, und mich dazu sagen: «Ich höre die Vögel singen und höre ihnen zu. Das ist schön.» Verhältnismässig andächtig antwortet sie, dass das stimme, aber der Rasenmäher im Hintergrund störe. Ich erwidere, dass dies aber wieder vorbeigehe. Und dass der Sommer komme, was auch schön wäre. Und sie meint: «Er ist schon da», steht auf, ruft: «free hug!» («gratis Umarmung»), und umarmt den Baum, in dessen Stamm sie mindestens siebenmal Platz finden könnte. Sie dreht sich wieder zu mir, bedankt sich für meinen Einsatz und wünscht mir einen schönen Nachmittag. Diesen wünsche ich ihr auch und spaziere weiter, eine Runde um den kleinen Park, um danach wieder zur Station zu gehen. Dieser Moment sollte der einzige seiner Art bleiben. Dennoch drehen sich meine Gedanken noch eine Weile um ihre Worte: «Gefesselt. Mit Medikamenten vollgepumpt. Versuchskaninchen».

Zurück im Stationszimmer bekomme ich ein Gespräch mit, dass es auf der Station eine Patientin habe, die einen Suizid zu Hause nicht ausschliesse, weshalb sie mit einem längeren Aufenthalt in der Klinik einverstanden sei. Selbst der Pfleger macht einen etwas überraschten Eindruck, als er erwähnt, dass es sich bei der Patientin eigentlich um eine gestandene Frau mit Familie handle. «Schon verrückt», seufzt er. Und als wäre das nicht schon genug, höre ich beim am Esszimmer Vorbeigehen einige Patienten über das Thema Suizid reden, und halb im Spass, halb im Ernst ein Ratespiel über möglichst schmerzlose und effektive Praktiken spielen. Konsterniert stehe ich neben dem Esszimmer und frage mich abwechselnd, was heute nur los ist – ein solch erdrückender Tag – und andererseits, ob ich hineingehen soll, um vielleicht die Stimmung etwas aufzuhellen. Doch was soll ich sagen? Ich bleibe eine unendliche Sekunde stehen und wieder verlässt mich der Mut, wodurch ich diesen Moment verpasse, der im Griechischen «Kairos» genannt wird und so viel wie «günstiger Zeitpunkt» bedeutet, und gehe weiter.

Noch immer kreisen in mir die negativen Gedanken über Medikamententest und Suizid, und ich beginne mich nach etwas Ermunterndem zu sehnen, nach wieder ein wenig positiver Stimmung. Glücklicherweise erfüllt sich diese Hoffnung, denn eine Patientin fragt mich, ob ich einmal Zeit hätte, mit ihr und zwei anderen zu jassen. Dazu braucht es vier Personen, und der Vierte der Gruppe habe sich leider vor kurzer Zeit das Leben genommen.

Das kommt wie ein Hammerschlag. Selbst die Süsse der Tatsache, dass mich die Patienten in ihre Gruppen einschliessen wollen, hat nun einen bitteren Beigeschmack. Trotzdem denke ich, es wäre eine gute Gelegenheit, um Zeit mit ihnen zu verbringen, und sage zu. Erfreut sagt sie, sie komme auf mich zurück. Vielleicht morgen. «Morgen», denke ich, «wird sicher besser», und ahne nicht, was der Tag bringen wird.

Achterbahn der Stimmung

Motiviert, mehr Zeit mit den Patienten zu verbringen, fahre ich an diesem Morgen in die Klinik, doch dummerweise habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Als ich eintreffe, herrscht eine grosse Grundhektik und Unruhe. Ich komme in ein relativ volles Stationszimmer, in dem alle unter Strom stehen und eine diffuse Stimmung herrscht, wobei mir unklar ist, warum. Später wird sich aber noch zeigen, was in der Luft liegt.

Als Erstes fasse ich den Auftrag, diejenigen Patienten auf die Morgenmedikation aufmerksam zu machen, welche diese noch nicht geholt haben. Allerdings sind so gut wie alle Patienten draussen und so finde ich ein leeres Zimmer nach dem anderen vor. Im Gang treffe ich auf eine Patientin, die ich bis anhin als eine im Grunde recht aufgestellte Person erlebt habe, heute aber irgendwie sehr unruhig ist. Sie wirkt rastlos und irgendwie bedrückt und schwirrt im Gang umher. Vorsichtig frage ich sie, ob es ihr gut gehe, was sie mit «eher nicht so» negiert, ohne aber weiter darauf einzugehen. Etwas später bekomme ich mit, wie sie hitzig mit einem Pfleger diskutiert. Die Spannung lässt meine Haare zu Berge stehen, wie wenn ich einen Luftballon daran reiben würde. Anstandshalber entferne ich mich ein wenig und werde von einer Patientin überrascht, die ich stets als äusserst freundlich und korrekt erlebt habe (sie entschuldigte sich einmal sogar dafür, dass sie sich vor ein paar Tagen für ihren Geschmack mir gegenüber etwas unfreundlich verhalten habe – obwohl sie berechtigen Grund für ihren Frust hatte und ich sie gar nicht als unfreundlich erlebt hatte). Nun steht sie hier im Türrahmen des Esszimmers, die Sonne scheint von hinten an ihr blondes Haar und sie lächelt mich freundlich an und streckt mir ein Kistchen mit Schokolade entgegen. Ich brauche eine lange Sekunde, um diesen frappanten Szenen- und Gefühlswechsel nachzuvollziehen. Verdutzt schaue ich auf die mich angrinsenden Schokoladen-Smileys, dann nochmals in das lächelnde Gesicht der Patientin – die mit der Sonne im Hintergrund gerade um die Wette zu strahlen scheint –, um mich zu vergewissern, dass das jetzt gerade wirklich real ist und sie mir Schokolade anbietet, und nehme dankend ein Smiley aus der Dose. Ich bin baff.

Um der Spannung, welche die Station nach wie vor erfüllt, etwas auszuweichen, ziehe ich mich ins kleine Personalzimmer zurück und lerne Biologie für die Schule. Als ich wieder hinauskomme, treffe ich zwei Rettungssanitäter an und die herrschende Spannung entlädt sich wie der Strom, der durch die Lampen des Blaulichts des Rettungswagens fliesst und diese blitzen lässt. Das ist also der Grund für die angespannte Stimmung! Die Sanitäter sind gerade dabei, eine Patientin mitzunehmen. Es ist diejenige, die sich an meinem ersten Tag über das Essen beschwerte und der ich später als Dolmetscher und Mediator geholfen habe. Offenbar hat sie eine Substanz zu sich genommen, die ihren Blutdruck zu einer gefährlichen Achterbahnfahrt macht. Im Stationszimmer wird diskutiert, wie das geschehen konnte, obwohl allen klar ist, dass sich nicht alles verhindern lässt. Obwohl ich diese Patientin anfänglich als eher anstrengend erlebt habe, bin ich erstaunt. Denn die letzten Tage zeigte sie meiner Meinung nach eine sehr positive Veränderung und Öffnung Anderen gegenüber. Ich hatte sie mit anderen Patienten mithilfe eines Handy-Übersetzers eifrig und fröhlich konversieren gesehen.
Und jetzt kommt dieser Absturz.

Später treffe ich im Gang auf eine Patientin und wir kommen ins Gespräch. Wir stehen einige Zeit im Gang – korrekt mit Abstand – und sprechen über Viren, Bettwanzen und andere Schädlinge, bis wir uns schliesslich an Ort und Stelle auf den Boden setzen, um die Konversation etwas bequemer weiterzuführen. Wir diskutieren über den Nutzen von Schutzmasken und ich versuche ihr verständlich zu machen, warum seit Neustem nicht nur die Pflegenden, sondern auch die Patienten Masken tragen müssen. Diskutierend bewegen wir uns schliesslich ins Esszimmer, wo ich das Abendessen vorbereiten muss. Irgendwie machen wir einen Themenbogen und sie beginnt, mir von einer Therapie zu erzählen, die sie absolvierte, und ich höre ihr aufmerksam zu. Rückblickend fällt mir auf, dass wir jederzeit auf Augenhöhe sprachen, was mir persönlich zwar stets ein Kernanliegen ist, das aber leichter gesagt als getan ist. «Offen, ehrlich und authentisch» zu sein sei wichtig, hatte mir der «Peer» ja gesagt. Sie sollte Recht behalten.

Schliesslich kommen einige Patienten dazu und schliessen sich der Konversation an, die dadurch nun seicht geworden ist, dafür liegen nun auch ein paar Scherze drin. Und so entsteht eine Art Normalität mit einem Hauch der Schwere der Lasten, welche die Patienten mit sich herumtragen.

Als ich sehe, dass es beim Abendessen noch Spezialmenüs übrighat, auf die einige Patienten verzichteten, fällt mir ein, dass ich damit einem bestimmten Patienten eine Freude bereiten könnte. Denn darunter hat es eine Menge Gemüse. Und er mag Gemüse, und zwar sehr. Als ich ihm die Aussichten präsentiere, reagiert er auf seine Weise entzückt: «Boah ey, das ist ja super, echt!», was nicht so bemerkenswert wäre, wenn es sich bei ihm nicht um einen durchtrainierten grossen «stabilen» Mann handelte, also alles andere als einen «Spargeltarzan».

Es sind unter anderem genau solche Widersprüche, die meinen Aufenthalt hier so spannend machen. Lustigerweise «revanchiert» sich eine Pflegerin unbewusst und unverhofft dafür, dass ich einem Patienten eine Freude machte, als sie mir einen Lindor-Osterhasen in goldener Verpackung in die Finger drückt und frohe Ostern wünscht.

Das Beste zum Schluss

Am Morgen meines letzten Einsatztages ist in der Station alles dunkel. Die Gänge sind nur minimal beleuchtet. Als ich eine Pflegerin frage, ob das normal sei, meint sie im Spass, in einem unglaublich finsteren Ton: «Wir sind in einer psychiatrischen Klinik, die Aussichten hier sind düster.» Wir lachen.

Da am Karfreitag die Cafeteria – wo ich üblicherweise essen konnte – geschlossen ist, esse ich im Esszimmer auf der Station. Die Patientin von kürzlich sieht mich und erkundigt sich nochmals betreffend Jassen. Ich erkläre ihr, dass ich gerne mitmache, allerdings zuvor noch etwas reinigen möchte, was schon längst überfällig war.

Als ich endlich fertig bin, überlege ich mir, noch für etwas gute Laune zu sorgen und arrangiere die vom Mittagessen übriggebliebenen Früchte auf einem Tisch. Mit Äpfeln und Bananen forme ich einen Smiley und dazu noch einen «Bananen-Stern». Danach gehe ich ins Stationszimmer und plaudere gerade mit den Pflegerinnen, als die Patientin vorbeikommt und sagt, dass das Jassen nun doch nicht stattfände, da die anderen doch keine Lust mehr hätten. Im Hintergrund höre ich eine Patientin, die das Früchte-Arrangement gesehen und grosse Freude daran geäussert hat.
Ziel erreicht!

Beim Vorbereiten des Abendessens sitzt ein älterer Patient im Esszimmer, den ich vorher als eher etwas merkwürdig empfunden habe. Ich muss meine Ansicht allmählich revidieren, als er mit mir Smalltalk zu machen beginnt. Und wie er nun hier sitzt, spricht er mich auf die KME an, und überrascht mich bereits damit, dass er diese offenbar kennt. Er erkundigt sich, wie wir mit der aktuellen Krisen-Situation in der Schule umgehen, und so kommen wir ins Gespräch. Ich erzähle ihm vom Fernunterricht und wie ich überhaupt auf diese Schule gekommen bin. Als er mich fragt, was ich denn vorher gemacht hätte und ich sage, dass ich Uhrmacher gelernt habe, beginnt dieser ältere Herr – den ich anfangs als eher merkwürdig empfand – zu strahlen wie ein Marienkäfer und erklärt, dass er diesen Beruf auch sehr gerne erlernt hätte. Als ich frage, was er denn gemacht habe, erzählt er mir, dass er zwei Mal durch die Matura gefallen sei, da er sich auf anderes konzentriert habe, wie das Herumschrauben an Motoren. Über Umwege sei er dann schliesslich Klavier-Stimmer geworden – selbst beigebracht –, was nun meine eigenen Augen zum Leuchten bringt. Ich quetsche ihn aus, wie das funktioniere, und er erzählt mir begeistert davon. Und so sprechen wir abwechselnd über Uhren und Klaviere, erkundigen uns gegenseitig über die Details, bis es schliesslich Zeit für das Abendessen wird. Mich reut, dass wir etwas jäh unterbrochen werden, da die Patienten sich sehr rasch einfinden und wir zu keinem «sauberen» Schluss des Gesprächs gekommen sind. Eigentlich hätte ich mich gerne für seine Offenheit bedankt, doch hatte ich keine Gelegenheit mehr dazu.

Mit der Ausgabe dieses Abendessens endet mein Einsatz in der psychiatrischen Klinik. Ich melde mich im Stationszimmer ab und mache mich müde, aber fröhlich, dankbar und fasziniert ob meiner Erlebnisse bereit für den Feierabend.

Und so verlasse ich die Station, schreite den langen weissen Gang entlang, über den roten Teppich, der die Schleuse säumt, und mache mich auf den Heimweg. Mit meinem Roller fahre ich gen’ Sonnenuntergang, in der leisen Hoffnung, in dieser kurzen Zeit nebst dem Pflegepersonal vielleicht dem ein- oder anderen Patienten ein wenig geholfen zu haben.

Doch eine Sache lässt mich noch nicht in Ruhe: Das Gespräch mit dem Klavierstimmer, das so abrupt endete. Und so rufe ich ins Stationszimmer an, erkläre dem Pfleger die Situation und bitte ihn, er möge doch den Patienten von mir grüssen und meinen Dank für das gute Gespräch weitergeben. Der Pfleger lacht und versichert mir, meiner Bitte jetzt sofort nachzukommen und meint: «So, jetzt machst du aber Feierabend, gell!» und ich erwidere: «Ja, jetzt kann ich wirklich Feierabend machen».

Die Fotos vom Sanatorium wurden zur Verfügung gestellt von der Sanatorium Kilchberg AG.