Pascal Nufer war während fünfeinhalb Jahren SRF-Korrespondent in China. Während dieser Zeit erhielt er einen tiefen Einblick in die chinesische Kultur, Politik und Wirtschaft. Ein Bericht darüber, wie er und die chinesische Bevölkerung mit dem System zurechtkommen.

 

 

 

 

von Elisa Wepfer, Vollzeit-KME, März 2021

Das persönliche Treffen wurde – ironischerweise – infolge des «Chinese virus» abgesagt. Pascal Nufers Antlitz erscheint auf Teams. Im Hintergrund erscheint nicht die aus der Tagesschau gewohnte Skyline Shanghais, sondern eine Wohnstube mit Palme und Piano. Der ehemalige China-Korrespondent befindet sich nicht mehr im Land der Mitte, sondern zu Hause in Effretikon. Seine Zeit als SRF-Korrespondent lief nach einer Verlängerung von eineinhalb Jahren endgültig aus, und er musste zurück in die Schweiz.

«Man kann nicht mehr als ein paar Jahre Aussenkorrespondent sein, sonst läuft man Gefahr, zynisch zu werden», meint er heute. Besonders in einem Land wie China, wo die täglichen Themen meist frustrierend sind. Die Unterdrückung von Minderheiten, die zunehmende Distanzierung vom Westen, die harte Linie der Regierung, Zensur. Es sei nicht einfach, in China als Journalist zu arbeiten. Man werde ständig überwacht. Einmal im Monat musste sich Pascal Nufer mit einem Regierungsbeauftragten treffen. Äusserlich sei es ein ungezwungenes Gespräch gewesen, doch in Wirklichkeit diente es dazu, in Erfahrung zu bringen, woran er arbeitete. Unzählige Male machte ihm die Regierung einen Strich durch die Rechnung. Selbst als er im hintersten Winkel der Provinz Fujian Dreharbeiten über den Bau eines neuen Atomkraftwerks machen wollte. Kaum hatte sein Team das Equipment aus dem Kleinbus ausgeladen, mit dem sie zuvor eine Stunde durchs Hinterland gefahren waren, kam ein Geländewagen der Regierung an und verbot ihnen die Dreharbeiten. Mit der chinesischen Administration zu diskutieren, bringt nichts, das hatte Nufer in der Zwischenzeit gelernt, und so musste er und sein Kamerateam wieder einpacken und zurückfahren. Das Beispiel zeigt: Die Überwachung funktioniert. Ab dem Moment, als Nufer sein Flugticket gekauft hatte, wusste die Regierung, was er vorhatte. Was nach einem dystopischen Science-Fiction-Film klingt, ist in China Realität. Die Regierung möchte alles wissen, alles kontrollieren.

Pascal Nufer wie man ihn aus dem Fernsehen kannte vor der Skyline Shanghais. (Bild: SRF)

Hinter den Kulissen

Wie sehen das diejenigen, die in dieser Welt leben und verkehren? Was halten die Chinesen vom System? Nufer führte zahlreiche Gespräche mit chinesischen Bürgern: «Die Überwachung ist zwar hart, aber als aufrichtiger Bürger hat man nichts zu befürchten», erzählen ihm viele. Die Überwachung sei akzeptiert und werden von der chinesischen Bevölkerung grösstenteils als gutes Instrument wahrgenommen, sagt Nufer.

Weibo, WeChat, das sind die chinesischen Substitute für Instagram, Twitter, WhatsApp und Co. Wobei Substitute untertrieben ist. Es sind schlichtweg die einzigen Optionen im chinesischen App Store. Alle amerikanischen Dienste sind im Land gesperrt. WeChat vereint dabei alles, was man im modernen Alltag mit dem Handy macht: Social Media, Chats, und sogar Online-Bezahlung. Der moderne Bettler fragt nicht mehr nach Kleingeld, sondern hängt sich einfach einen QR-Code um, über den man ihm Geld überweist. Die Regierung überwacht dabei alles, was auf den Apps läuft, aber «das ist nun einmal so», sagen viele Chinesen. WeChat ist schlichtweg zu praktisch, um darauf zu verzichten. «Es ist eine Diktatur der Bequemlichkeit», folgert Pascal Nufer. Auch er musste sich früher oder später eingestehen, dass es mit WeChat im Alltag einfacher geht. So wurde auch er Teil des Systems, das ihm eigentlich ganz und gar nicht geheuer ist. Aus seiner Sicht ist die ganze WeChat-Geschichte sehr problematisch. «Ich beneide die Chinesen nicht um ihr System und bin froh, dass das bei uns nicht Realität ist.»

Das Gespenst der Zensur

Auf den Sozialen Medien wird alles zensuriert, was der Regierung nicht passt, angefangen bei den Vergleichen von Xi Jinping mit Winnie Puuh bis zum Ausbruch eines neuen Coronavirus. Die Zensur beschränkt sich selbstverständlich nicht auf die Sozialen Medien, sondern greift auch bei Kunst, Musik und allen Publikationen, ob digital oder physisch. Sie ist allgegenwärtig.

Bei der ausländischen Berichterstattung darf die chinesische Regierung theoretisch nicht eingreifen. Die Praxis sehe jedoch etwas anders aus, erklärt Nufer. Die chinesische Regierung kann Journalisten zwar nicht wegsperren oder ihnen die Jobs kündigen, jedoch kann sie diese jederzeit ausweisen. Das passiert oft von heute auf morgen, wie Nufer am Beispiel einer französischen Journalistenkollegin erfahren hat.

Somit schreiben ausländische Journalisten nicht, ohne mögliche Sanktionen stets im Hinterkopf zu haben. Das ist gefährlich, denn damit beginnt die Selbstzensur. Pascal Nufer erzählt, dass er oft seine Texte überarbeitete, um der chinesischen Regierung nicht allzu sehr auf die Füsse zu treten. Denn der Staat weiss, worüber die Korrespondenten berichten. Im Falle Nufers ist es die chinesische Botschaft in Bern, die genau beobachtet, was er veröffentlicht. Regierungskritische Kommentare wurden sofort nach Peking gemeldet und von dort nach Shanghai weitergeleitet. Bei seinem monatlichen Gespräch mit dem Regierungsbeauftragten wurde ihm zu verstehen gegeben, dass solche Kommentare nicht erwünscht wären. Dabei musste er nicht nur für seine eigenen Publikationen geradestehen, sondern erhielt auch Verwarnungen für andere Schweizer Publikationen wie die NZZ oder der Tages Anzeiger eine Verwarnung. «Man wird zum Spielball der Politik», resümiert Nufer.

 

China ist nicht Nordkorea

Besonders bedauerte den ehemaligen Korrespondenten, dass die Regierung chinesische Staatsbürger sanktionierte, die mit ihm als ausländischem Journalisten zusammenarbeiten. «Dort tut es richtig weh», meint Nufer, denn das Letzte, was er wollte, war, jemanden für seine Recherchen zu gefährden. Es sei bereits vorgekommen, dass jemand verschwand, nachdem er ihn porträtiert hatte. Das führt dazu, dass Chinesinnen und Chinesen anfingen, Journalisten zu meiden. Ein Politologieprofessor in Shanghai, mit dem sich Nufer zu Beginn seiner Korrespondentenzeit oft auf dem Universitätscampus traf, zog sich immer mehr zurück, bis er ihm gegenüber gar keine Aussagen mehr über die Regierung machen wollte.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es als ausländischer Journalist unmöglich ist, offen mit einem chinesischen Staatsbürger zu reden. «Man findet durchaus Personen, die sich kritisch gegenüber der Regierung äussern. China ist nicht Nordkorea», so Nufer. «Jedoch möchten diese Personen oft keine Aussagen vor laufender Kamera machen.» Aus seiner Sicht schneidet sich China so ins eigene Fleisch: Die Überwachung und die Kontrolle haben zur Folge, dass man im Ausland noch kritischer und abgewandter gegenüber China ist. Mit mehr Freiheiten in der Berichterstattung, meint er, würden automatisch auch mehr positive Mitteilungen aus China kommen.

 

Die Menschen nicht mit dem System verwechseln

Für Pascal Nufer ist das Thema China noch lange nicht abgeschlossen. In seiner Arbeit hatte er oft unangenehme Begegnungen mit der Regierung und er brauchte Abstand von seiner Zeit als China-Korrespondent. Seit zwei Jahren bietet er selbständig Vorträge und Reisen an.

Trotzdem wird er auf jeden Fall ins Land der Mitte zurückkehren. Die positiven Seiten seines Aufenthalts überwiegen klar die negativen. Die Menschen, die Kultur, das Essen – all das vermisse er sehr. Er lernte viel über China, über die Bürger und deren Umgang mit der Überwachung, aber auch über sich selbst. «Ich musste immer wieder aus meiner Komfortzone ausbrechen. Es waren die spannendsten und intensivsten fünf Jahre meines Lebens.» Seinem Nachfolger rät er: «Lass dich nicht von Rückschlägen irreleiten. Versuch das System nicht mit den Menschen zu verwechseln.»

 

Mehr Informationen zur Arbeit Pascal Nufer findet man auf seiner Internetseite: https://www.pascalnufer.ch