Das Thema Flüchtlinge ist in den Medien allgegenwärtig, und doch scheinen uns die Schicksale der Geflüchteten so fern. Dabei leben bereits viele Menschen unter uns, die einst ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Eine Geschichte über die Flucht in ein fremdes Land.

 

Kosovarische Flüchtlinge im Grenzgebiet zu Mazedonien im März 1999, Bild: flickr, United Nations Photo

von Valérie Heckendorn, Vollzeit-KME, Feb. 2019

Kosovo, Februar 1996: Die Universität in der Hauptstadt Pristina, der einstige Leuchtturm des albanischen Bildungsbürgertums, steht leer.

«Unsere alte Universität konnten und wollten wir nicht mehr besuchen. Die Lehrpläne wurden abgeändert und neue Lehrmittel in serbokroatischer Sprache geschrieben», erzählt Liridon, heute 43 Jahre alt, er hatte damals gerade sein Wirtschaftsstudium begonnen. «Doch das Studieren liessen wir uns nicht verbieten. Wir besuchten geheime Vorlesungen, die unsere Professoren für uns organisiert hatten.»

Nachdem die Regierung unter Slobodan Milosevic 1989 die Macht in Kosovo übernommen hatte, rief sie den Ausnahmezustand aus und trieb eine sukzessive Serbisierung des Bildungswesens voran. Auf den Strassen Pristinas patrouillierten serbische Polizisten, die jeden kontrollierten, der ihnen auffällig erschien. Fast täglich wurde Liridon von der Polizei unter die Lupe genommen.
«’Portemonnaie und Ausweis!’, schrien mich die Polizisten an.» Jedes Mal musste er erklären, wieso er in der Stadt sei, wohin er wolle und wofür er das Geld – das für den illegalen Unterrichtsbesuch bestimmt war – brauche. Mit der Zeit gingen ihm die Ausreden aus. Die Situationen wurden von Tag zu Tag brenzliger. Zudem war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er das Militäraufgebot für den Dienst in der serbisch dominierten Armee erhalten würde. «Ich hatte Freunde im Dienst, was sie mir erzählt haben, gleicht einem wahrgewordenen Albtraum, die Bedingungen waren unmenschlich, Schikane und Leid waren an der Tagesordnung.» Also entschied er sich zu flüchten.

Der Preis für ein neues Leben

Liridon wollte seinen Brüdern folgen, die bereits in Deutschland waren, die in Sicherheit waren. Wären sie geblieben, hätte sie der Militärdienst erwartet.

Sieben bis acht Tage sollte die Reise dauern, 3000 Mark war der Preis dafür, umgerechnet 9‘900 Dinar, was etwa dem Wert von zwei Jahreslöhnen entsprach. Um dem Schlepper das Geld zu bezahlen, verschuldete er sich bei Freunden und Verwandten. Doch in diesem Moment schien ihm alles besser, als zu bleiben. Am 10. Februar 1996 musste sich Liridon von seiner Familie verabschieden. Mit zwanzig anderen Flüchtenden, die er nicht kannte, machte er sich auf eine Reise, die sein Leben verändern sollte.

Eine Irrfahrt durch Europa

Über eine unbewachte Stelle an der Grenze zu Mazedonien fuhren sie in einem Bus nach Skopje. Es hatte alles gut geklappt, sie bestiegen ein Flugzeug, welches sie nach Bulgarien bringen würde. «Ich war vorher noch nie geflogen, ich konnte mir das nie leisten. Es fühlte sich so surreal an, von zu Hause zu flüchten mit 21 Jahren, und dann sitzt du plötzlich in einem Flieger, der dich von zu Hause wegbringen soll.» In Sofia wartete dann bereits der zweite Bus auf sie. Von dort aus sollte es nach München gehen. «Wir hatten weder etwas zu essen noch Getränke dabei. Ich merkte schnell, dass dies ein Fehler war. Seit wir in Skopje abgeflogen waren, hatte ich nichts mehr getrunken.» Mit dem Bus kamen die Flüchtenden innerhalb von drei Tagen bis nach Milano. Durst und Hunger begann sie zu quälen. Aus Angst erwischt zu werden, durften nur der Chauffeur und der Begleiter das Fahrzeug verlassen. «Gottseidank hatte es eine Toilette im Bus», meinte Liridon. Es war nicht das letzte Mal, dass er Gott danken würde.

 

Ein Umweg mit Folgen

Von Mailand aus wollte der Fahrer über Frankreich nach Deutschland reisen. Es war ein riesiger Umweg, doch niemand traute sich nachzufragen, weshalb sie diese Route nahmen, jeder wollte einfach nur heil ankommen. Bis heute weiss Liridon nicht, welches der Grund für diese Route war, doch er merkte bald, dass dieser Umweg ihnen zum Verhängnis wurde.  «Kurz nachdem wir die französische Grenze passiert hatten, wurden wir aufgehalten. Die Gendarmerie nationale befahl uns auszusteigen und steckte uns in eine Turnhalle.»

Eine ganze Woche wurden sie dort festgehalten. Ohne Decken mussten sie schlafen. «Die Kinder haben geschrien vor Angst und Hunger. Abends, im Dunkeln, kam jeweils eine Französin vorbei und brachte uns etwas Wasser. Wir wurden behandelt wie Tiere. Einer von ihnen wollte uns Brot geben. Als er damit auftauchte, sahen wir, dass es total verbrannt war, er hatte von jedem von uns 10 Francs verlangt. Für ein Stück schwarzes Brot!»

Die Flüchtenden waren sich sicher: Nun würden sie zurückgeschickt. Sie kämen nach Belgrad, wo kosovarische Flüchtlinge mit Gefängnis oder gar der Todesstrafe rechnen mussten.

Nach der siebten unendlich langen Nacht in der kalten Turnhalle wurden sie mit einem Auto, vorne und hinten von der Polizei bewacht, nach Italien gebracht. Die Beamten schüchterten sie immer wieder ein, drohten, sie nach Belgrad zu schicken, und lachten über sie. In Mailand wurden sie dann einfach rausgeworfen, wie ungeliebte Hunde auf der Strasse ausgesetzt.

Müde und abgekämpft mussten sie zu einer Raststätte laufen. Mit dem wenigen Geld, das sie noch hatten, riefen sie den Schwager eines Mitreisenden an, welcher in Genf lebte. Dieser organisierte für sie einen Bus, der sie ins Tirol brachte. Auch dort wurden sie wieder ausgesetzt, fanden jedoch Unterschlupf in einer Jugendherberge. Liridon hatte immer etwas Geld in seinem Schuh versteckt, das kam ihm jetzt zu Gute. Nach einem Monat unterwegs konnte er endlich wieder duschen und etwas Richtiges essen. Doch im Tirol war Skisaison, die Unterkunft war die nächsten Tage komplett ausgebucht, und so musste sich die Gruppe einen Tag später wieder zu Fuss auf den Weg machen. Mit dem Schwager des einen Flüchtlings hatten sie an der Rezeption noch kurz telefonieren können. Er erklärte ihnen, dass sie bald an einen Zaun kommen würden, da sollten sie darüberklettern, aber erst in der Nacht, wenn niemand mehr wach sei. Dann komme eine Strasse, dieser sollten sie folgen bis zum Tunnel. Dort werde er warten. Vier Mal mit dem Scheinwerfer blinken, das war das Zeichen.

Die letzte Etappe

Also gingen sie am Abend los, um zwei Uhr in der Nacht kamen sie an den Maschendrahtzaun, er war mehrere Meter hoch. Vom Schnee durchnässt und durchfroren, mit von der Kälte schmerzenden Händen kletterten sie allesamt darüber. Was sie nicht wussten: auf der anderen Seite des Zauns lag eine Schweizer Militärkaserne.

«Wir hatten Todesangst, wir waren es gewohnt, vor dem Militär Angst zu haben. Hunde bewachten das Areal. Es musste ein Wunder gewesen sein, ein weiteres Mal war Gott an unserer Seite. Alle Soldaten und auch die Hunde schliefen tief und fest. Wir konnten uns unbemerkt davon machen. Ich war erstaunt, dass sie nicht alle von meinem Herzklopfen erwacht sind.»

So kamen sie zu der besagten Strasse, sie liefen und liefen, ohne eine Ahnung zu haben, wie lange es noch dauern würde. Die nassen Schuhe waren wie Betonklötze an ihren Beinen. Die wenigen Autos, die in dieser Nacht noch unterwegs waren, fuhren unbeirrt an ihnen vorbei. Und dann sahen sie den Tunnel.

*Diese Reportage basiert auf einem Interview mit Liridon. Er ist heute 43 Jahre alt, lebt in Zürich und zieht es vor, anonym zu bleiben.