Die Meinung über invasive Arten und ihren Siegeszug um die Welt spaltet die Gemüter in der öffentlichen Diskussion. Das kürzlich erschienene Buch «Natur aus den Fugen» möchte Chancen und Risiken dieser Entwicklung aufzeigen und sachliche Argumente in einer emotional geführten Debatte liefern.

Auf Hawaii müssen Umweltschützer im Kampf gegen die invasive Pflanze Miconia auf die Unterstützung der Armee zurückgreifen. (Bild. Wikimedia/U.S. Air Force, Tech. Sgt. Andrew Jackson)

von Liliane Sommer

Wenn die Schwarzmeergrundel den Sprung aus dem Schwarzen Meer in den Zürichsee schafft und dort eine Menge Nachkommen hervorbringt, sorgen sich Ökologen um die Artenvielfalt in den einheimischen Ökosystemen. Der Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri führt mit seinem kürzlich im Orell Füssli Verlag erschienen Buch «Natur aus den Fugen» auf eine aufregende Reise rund um den Globus und zeigt, ob und warum sich Lebewesen invasiv verhalten, wo Gefahren lauern oder sich Chancen ergeben.

Pflanzen und Tiere reisen um die Welt
Seit 1492 importieren und exportieren die Menschen durch ihre Reisetätigkeit diverse Tiere und Pflanzen auf der ganzen Welt. Sie nahmen Katzen mit auf ihre Reisen für die Jagd auf Ratten und Mäuse, die sich im Schiffsrumpf tummelten. So wurden eben diese drei Arten in alle Teile der Welt verschifft. Durch die Menschen schaffen es Lebewesen, natürliche Barrieren wie Ozeane und Gebirge zu überwinden; als blinde Passagiere reisen Larven von Krabben, Quallen, Muscheln oder Fische im Ballastwasser eines Containerschiffes mit; Pflanzensamen haften an Kleidern oder Schuhen von Menschen.

Pflanzen wie die Miconia aus Südamerika bringen Abhänge in Hawaii zum Einstürzen, da ihr Wurzelwerk nur oberflächlich in die Erde greift und somit keinen Halt erlangt. Der Eukalyptus aus Australien führt durch das Produzieren von ätherischen Stoffen zu Waldbränden in Portugal, die selbst durch die erfahrensten Feuerwehrmänner nicht aufzuhalten sind. Atlant Bieri zeigt, wie die Ausbreitung von Arten ansässige Lebewesen verdrängen kann und damit zum Problem wird. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn importierte Spezies am neuen Ort keine natürlichen Feinde haben oder der einheimischen Pflanzen- und Tierwelt die Lebensgrundlage nehmen. Bakterien, Viren und Pilze verursachen ausserdem als weitere invasive Arten Krankheiten, die für Menschen, Tiere und für Pflanzen gefährlich sein können.

 

Immer wieder lockert der Autor die Lektüre mit skurrilen Anekdoten auf, wie etwa derjenigen über das Aussetzen von hundert Exemplaren des europäischen Stars im New Yorker Central Park um 1890. Die Idee war, die Vogelart, die im Theaterstück «Heinrich IV» von William Shakespeare erwähnt wird, im Stadtpark anzusiedeln. Mittlerweile ist ihre Zahl in Nordamerika auf 150 Millionen angestiegen.

Dank der geordneten Erzählweise liest sich das Buch, das für den Wissenschaftsbuchpreis 2019 nominiert ist, mit Leichtigkeit; die einzelnen Teile lassen sich wie Puzzlestücke ineinanderfügen. Die Recherchen des Autors umfassen neben Informationen amtlicher Behörden auch Interviews mit Expertinnen und Experten von Hawaii über die Türkei bis Neuseeland. Geeignet ist die Lektüre für alle, die in dieser Diskussion ihr Wissen mit sachlich fundierten Argumenten auffrischen möchten.

Eindämmung und Anpassung
Das Thema zieht einen in seinen Bann, gerade weil der Mensch an den Umsiedlungen beteiligt ist. Allerdings wünscht man sich das Buch etwas umfassender. Spannend wäre beispielsweise ein Kapitel, in dem der Leser/die Leserin über mögliche persönliche Verhaltensänderungen auf Reisen aufgeklärt wird. Man möchte mehr über die Chancen erfahren. Denn die gibt es. Ökosysteme finden nach Veränderungen wieder zu Stabilität. Wie die Miesmuschel auf Sylt, die sich zwischen zwei Austern ansiedelt, anstatt von ihr überwuchert zu werden. Präventionsmassnahmen werden ergriffen, wie etwa die Schaffung des Ballastwasser-Übereinkommens von 2017, gemäss dem die Schiffe ihr Ballastwasser 370 Kilometer vor der Küste ablassen müssen. So werden die Organismen auf offener See herausgespült und siedeln sich nicht in Küstennähe an. Der Autor schlägt ausserdem vor, Schwarzmeergrundeln und Signalkrebse auf unseren Speiseplan zu setzen. Denn wo vollständige Entfernung schwierig ist, kann mit Eindämmung geholfen werden. Wir werden uns auf die Veränderungen unserer Umwelt einlassen und uns gleichzeitig darüber informieren müssen, damit die Ökosysteme in den kommenden Jahren besser geschützt werden können.

 

Viele invasive Arten werden durch die internationale Schifffahrt auf dem Globus verbreitet. (Bild: Meeresatlas 2017, Petra Böckmann/Heinrich-Böll-Stiftung)