Mit dem Blick Richtung Erfolg verpassen wir unzählige magische Momente. Schaustellerische Darbietungen verlieren je länger je mehr an Aufmerksamkeit. Dabei kostet ein Besuch im Zirkus weder viel Zeit noch viel Geld. Meist ist das Zelt nur einen Katzensprung entfernt. Worauf also warten wir? Lassen Sie sich in die zauberhafte Welt entführen.

Als Teile einer oberflächlichen Gesellschaft scheinen wir stets den Durchblick zu haben.

von Nina Amstutz, Passerelle, Juli 2022

– stimmt doch, oder? Jeden Tag will etwas Grossartiges gesehen oder erlebt werden. Es ist immer dasselbe Spiel: Kinder vergleichen ihre bisherigen Reisedestinationen, Erwachsene werfen ihr Geld für ein möglichst junges Selbst aus dem Fenster, und die Alten debattieren über die gute alte Zeit. Dabei liegt das wirklich Wertvolle doch meist direkt vor den Füssen. Wir sind bloss zu bequem, unseren Blick zu senken. Aber da: Puppenspieler halten die Fäden – und wir den Atem an.

Treten Sie näher – hereinspaziert!

Schenken wir dem was wir sehen Glauben und vertrauen auf uns? Eigentlich suchen wir ständig das Weite und bleiben dennoch in unserer Komfortzone gefangen. Wie soll es uns denn überhaupt möglich sein, die Spielereien um uns herum einzuordnen? In einer Klemmmappe findet sich wenig Platz. Raum genug jedoch für einen Hauch Fantasie. Diese benötigen wir, um dieses eine Leben lebenswert zu gestalten. Wir wollen stehen bleiben, doch die Füsse tragen uns immer weiter und weiter. Wo endet diese Reise? Aus weiter Ferne sind Klänge zu vernehmen. Plötzlich bemerkt man zwei starrende Kinderaugen. Sie scheinen tief in die Seele zu blicken, doch die Kinder finden keine Worte für ihre Eindrücke. Welche Farbe hatte die Iris dieser Kinderaugen? Vielleicht die Farben des Regenbogens. Die Augen dieses heranwachsenden Wesens leuchten heller als die Scheinwerfer in der Manege. Nicht einmal die Nebelmaschine vermag ihren Schein zu verschleiern. Aber auch der Anblick der artistischen Darbietung versinkt im Meer der Zuschauerränge. Die Klänge befinden sich jetzt in unmittelbarer Nähe. Eine Gitarre, ein Saxofon und eine Violine. Instrumente, an die man sich aus dem Musikunterricht erinnert. Doch in dieser Manege hält das Publikum die Ohren zu. Nicht vor Schmerz, nein. Die Zuschauer versuchen in keinem Zustand zu sein, und gleichzeitig sind ihre Gedanken überall, nur nicht bei ihnen selbst. Fäden drohen zu reissen, und die Puppenspielerin verliert die Kontrolle. Das Licht geht aus.

In der Dunkelheit sind die Klänge nun klar unterscheidbar. Die Sinne vermag nun nichts mehr zu trüben. Die Fäden sind gerissen und die Herztöne flüstern durch die Manege. Wie von selbst, mit dem Erleuchten der Manege, werden Hände zusammengeschlagen.

Applaus.

Für die wirklich wertvollen Augenblicke mangelt es der Menschheit an Wahrnehmung. Selbst die eigene Vergangenheit versinkt vor dem inneren Auge in unendlicher Tiefe. Es ist Zeit, endlich den Sehsinn zu stärken und der Illusion die Stirn zu bieten. Was hätten wir für ein zauberhaftes Leben, würden wir endlich den Durchblick finden.

Treten Sie näher –herzeinspaziert!