Ergänzungsfachtag Geschichte: Karten, Kunst und Kolonialismus

Die Debatte um das koloniale Erbe der Gegenwart wird auch im Geschichtsunterricht geführt. Die Unterrichtsmaterialien und der Unterricht selbst werden zum Ziel postkolonialer Kritik. Am Ergänzungsfachtag vom 7.11 experimentierte eine Klasse mit künstlerischen Interventionen auf einer Geschichtskarte. Unterstützt wurde sie dabei von Geschichtslehrer Miguel Garcia, BG-Lehrer Christian Fischer sowie der Winterthurer Künstlerin Mia Diener.

Ausgangspunkt war eine Geschichtskarte zur «Welt im 17. und 18. Jahrhundert», wie sie jahrzehntelang in unzähligen Schulstunden verwendet wurde. Mit auffälligen Farben gekennzeichnet waren die – mehrheitlich europäischen – Grossmächtedie Kolonien und Handelswege. Afrika, Australien und Teile Süd- und Nordamerikas blieben farblos, als wäre dort ohne die Europäer nichts gewesen. 

Als erste Massnahme übermalte die Klasse alle Länder weiss. Die ursprüngliche Kolorierung scheint noch sanft durch, verliert aber ihre Bedeutung. Europa bleibt ein «weisser Fleck» auf der Landkarte. So wird das eurozentrische Klischee von Afrika als weissem Fleck auf der Karte und geschichtslosem Kontinent auf den Kopf gestellt. Stattdessen wurden vorkoloniale Ethnien und Reiche eingezeichnet und in den Vordergrund gestellt, die unterdrückt oder sogar ausgelöscht worden waren. Auf eine Farbsystematik wurde bewusst verzichtet, um nicht kategorisierend einzugreifen, wie es die Kolonialmächte und die späteren Kartenhersteller taten.

Sinnlose Linien 

Grenzen wurden nicht eingezeichnet, Flüsse allerdings in Rot und Gold markiert, um koloniale Ausbeutung sichtbar zu machen: Gold für gestohlenen Reichtum, Rot für Gewalt und Versklavung. So zeigt die Karte, wie Kolonialmächte Natur- und Menschenströme genutzt haben, und streicht den gewaltsamen Charakter dieser historischen Prozesse heraus.

Entsprechend wurde auch der Sklavenhandel hervorgehoben. Die ursprüngliche Karte stellte versklavte Menschen wie Waren dar. Ziel der Umgestaltung war es, Sklavinnen und Sklaven als Menschen erkennbar zu machen und zu zeigen, wie viele von ihnen auf dem Weg über den Atlantik ihr Leben verloren hatten. Gleichzeitig wurden die Schiffe exemplarisch beschriftet. Während Schiffe von «Siedlern» oder «Entdeckern» wie die «Mayflower» oder die «Santa María» Eingang ins kollektive Bewusstsein gefunden haben, kennt man die Namen der Sklavenschiffe kaum. So wurden Schiffe ausgewählt und mit ihren Namen angeschrieben, wie etwa die «White Lion», welche die ersten Sklavinnen und Sklaven nach Nordamerika brachte, oder die «Esperança», deren Bezeichnung in eklatantem Widerspruch zur Brutalität der Vorgänge steht.

Die roten Linien, welche die Reisen von Seefahrern wie James Cook markierten, wurden weitergeführt und in sinnlose Irrfahrten verwandelt, die manchmal Herzen oder Schriftzüge formen. Dadurch wurde der Sinn dieser Fahrten und ihre Darstellung infrage gestellt.

Da die Schulkarte in der Schweiz eingesetzt wurde und man hierzulande bis vor wenigen Jahren gerne so tat, als hätte die Schweiz mit all diesen Prozessen nichts zu tun, wurden insbesondere die Bezüge zur Schweiz hervorgehoben. Grüne Fäden zeigen nun das «koloniale Netzwerke» von Schweizer Personen, die als Kaufleute, Plantagenbesitzer oder Söldner vom Kolonialismus profitierten, diesen aufrechterhielten und rechtfertigten.

Text und Bilder: Miguel Garcia 

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