Keine Freiheit ohne Verbundenheit

Auf riesiges Interesse stiess der Vortrag der bekannten Geschlechterforscherin, Soziologin und Sachbuchautorin Franziska Schutzbach über ihr Werk «Revolution der Verbundenheit». Das Hauptthema des Buches ist die Solidarität zwischen Frauen und die These, dass diese das Potential zu Revolutionen in sich tragen. 

Schutzbach erinnerte daran, dass trotz Fortschritten in der Gesetzgebung die kulturellen Auswirkungen des Patriarchats nicht überwunden sind. Noch bis in die 1970erJahre hatte der Mann das Recht zu entscheiden, ob seine Frau einen Beruf ausübe, und bis in die 1990erJahre war Vergewaltigung in der Ehe straffrei. Der zurzeit viel diskutierte Fall des prominenten Paares Fernandez und Ulmen zeigt, dass die Vorstellung, die Frau sei der Besitz des Mannes, in vielen Köpfen fortlebt.  

Die Isolation der Frauen und ihre Abhängigkeit vom Mann führten über viele Jahrhunderte dazu, dass sie sich nicht an anderen Frauen orientierten. Die dadurch auf den Mann ausgerichteten Frauen waren und sind in Familien oft Patriarchatsvollstreckerinnen. Studien zeigen, dass viele Mütter unangepasstes Verhalten bei Töchtern stärker ahnden als bei Söhnen und dass sie die Söhne schneller loben als die Töchter. Es ist empirisch belegt, so Schutzbach, dass auch ausserhalb der Familien Männer einander mehr respektieren als Frauen einander. Dies liege daran, dass 80% der Machtpositionen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft bis heute von Männern besetzt sind. 

Aber, so Schutzbach, es gibt sie eben auch, die Verbundenheit zwischen Frauen, und diese ist oft Keimzelle von Fortschritt, wie etwa bei den Frauenhäusern. Als der Staat keine solchen einrichten wollte, kümmerten sich die Frauen erfolgreich darum. Im 18./19. Jahrhundert waren Brieffreundschaften zwischen feministischen Denkerinnen wichtig für Veränderungen, die anfangs unerreichbar schienen und dann doch plötzlich möglich wurden. 

In der Fragerunde gingen viele Hände nach oben. Unter anderem wurde gefragt, wie sich Schutzbachs Forschung auf ihr Privatleben auswirke. Schutzbach sagte, auch ihre Kinder seien nicht perfekt feministisch erzogen, an zu hohen Erwartungen könne man nur scheitern. Be hard on systems but soft on people, sei ein gutes Credo. Jemand fragte, ob das Patriarchat bald überwunden sein könnte. Schutzbach antwortete optimistisch. Schon immer seien Rückschritt und Fortschritt parallel verlaufen. Digitale Aufmerksamkeit verändere wenig, Wandel in der echten Welt passiere langsam und erfordere langfristige, geduldige Arbeit, die sich aber auszahlt. 

Text: Simone Weinmann

Bild: Roberto Huber