Maturfeier 2022

Die Maturrede hielt dieses Jahr die Schriftstellerin Dana Grigorcea. Sie gratulierte den 97 Maturandinnen und Maturanden und ermunterte sie mit Mut und Beständigkeit ihren Weg zu gehen und das zu tun, was sie lieben. Darin liege der Schlüssel zur Erkenntnis und für ein glückliches Leben.

99 Studierende sind dieses Jahr zu den Maturprüfungen angetreten, 97 davon haben bestanden.

«Bildung ist ein hohes Gut, das nicht allen zuteilwird», sagte die Schriftstellerin und Maturrednerin Dana Grigorcea und gratulierte den Maturandinnen und Maturanden, die mit dem zweiten Bildungsweg einen steinigeren Weg zurückgelegt hätten als andere. «Und wenn ich Ihnen an dieser Stelle etwas mitgeben kann, dann dies: gehen Sie den Weg weiter. Sie haben ein Gefühl für sich selbst gefunden, sind sich selbst und Ihrer Leistungsfähigkeit auf die Spur gekommen. Folgen Sie der Spur weiter! Es stehen Ihnen nun viele weitere Wege offen. Wählen Sie Studienfächer aus, die Sie wirklich interessieren, denn nur darum geht es: zu versuchen, das zu tun, was man liebt“, sagte die Gewinnerin des diesjährigen Schweizer Literaturpreises mit rumänischen Wurzeln, die heute im Riesbach-Quartier wohnt. «Denn diese Schule ist der Vorhof zu den Geschichten, aus denen die grosse Literatur gemacht ist: Geschichten über die plötzliche Erkenntnis, dass es da draussen Grosses gibt und dass man es erreichen kann!“ 

Ihre Ausführungen illustrierte Grigorcea mit der Geschichte des griechischen Philosophen Kleanthes. Dieser begann seine Karriere vor über 2000 Jahren als Faustkämpfer. Als er auf dem Marktplatz den Philosophen Zenon über Affektkontrolle und herrschaftsfreies Leben reden hörte, entschloss er sich von nun an nicht mehr zu kämpfen. Stattdessen besuchte er tagsüber Zenons Unterricht und kultivierte danach täglich seinen Garten. Die Jünglinge aus den reichen Familien verspotteten ihn, doch Kleanthes liess sich nicht beirren. Zenon sah, dass Kleanthes die Tugenden erfüllte, die er als Voraussetzung eines glücklichen Lebens betrachtete, und schliesslich wurde Kleanthes Zenons Nachfolger. «Er wählte den zweiten Bildungsweg, wenn Sie so wollen», kommentierte die Rednerin. 

Der römische Philosophenkaiser Marc Aurel übernahm später Kleanthes’ Gedanken und plädierte für die Einheit von Denken und Handeln. Gerade in Zeiten der Sozialen Medien sei das wichtig, so Grigorcea, «in denen wir verleitet werden könnten zu glauben, dass der Schein wichtiger ist als das Sein». 

Die Schriftstellerin, die während der kommunistischen Ceausescu-Diktatur aufgewachsen war, betonte: «Mut und Beharrlichkeit bedarf es, um für sein Leben zu lernen und zu kämpfen, und ein beständiges Streben danach, um zu erfahren, was in der Welt Gut und Recht und für einen selbst zu erlangen möglich ist.» Denn, wie sie bei der Eröffnung des Luzerner Literaturfestes sagte, gelte es das Ich zu verteidigen vor dem falschen Wir der Propaganda, der sogenannten Querdenker aller braunen Couleur und der Diktatoren.