MINT-Gastvortrag: Wie das Weltall zum Wirtschaftsraum wird

Der Weltraum soll nicht nur erforscht, sondern auch als Produktionsstandort genutzt werden. Dieses Ziel verfolgt der Luft- und Raumfahrtmediziner Oliver Ullrich. In seinem Vortrag sprach er über das ungenutzte Potenzial der Schwerelosigkeit und wie Zürich zum Zentrum der «New Space Economy» werden soll. 

Die Mission der Weltraumstation ISS wird voraussichtlich 2030 beendet. Die Lücke möchte u.a. das Unternehmen Starlab Space füllen, das sich der New Space Economy verschreibt. Das heisst: Über Forschungsaktivitäten hinaus soll künftig im erdnahen Orbit auch produziert werden. Dass Starlab Space seinen weltweit dritten «Science Park» neben den USA und Japan ausgerechnet in Dübendorf errichtet, hat mit Oliver Ullrich zu tun. Ursprünglich Arzt und Biochemiker, hat er das Forschungsgebiet Raumfahrtmedizin in der Schweiz aufgebaut und leitet nun das schweizweit erste Institut mit diesem Schwerpunkt an der Universität Zürich. Ausserdem ist er Direktor des UZH Space Hub und leitet das Center for Space and Aviation auf dem Gelände des Militärflugplatzes Dübendorf. 

Dübendorf und das «Space Valley» 

«Dübendorf war schon immer ein Ort der Pioniere», sagt Ullrich in seinem Vortrag an der KME. Nachdem die Kampfflugzeuge vom Flugplatz abgezogen waren, begann der Kanton mit der Errichtung von Innovationsparks. Bald darauf startete die erste Raumflugkampagne. Die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich habe die «New Space Economy» zu einem Innovationsschwerpunkt deklariert, so Ullrich. «Man spricht bereits vom Space Valley». Kein Wunder, denn das wirtschaftliche Potenzial ist gross: Rund 1,8 Milliarden Franken soll laut einer McKinsey-Studie in den nächsten zehn Jahren umgesetzt werden können. 

Medikamente und Organe 

«Die Schwerelosigkeit im unteren Erdorbit bietet sich überall dort an, wo Materie in mikrophysikalischen Prozessen gleich verteilt werden muss, etwa in der Halbleiter- oder der Pharmaindustrie», so Ullrich. Dem Biomediziner und seinem Team ist es ausserdem gelungen, in Versuchen auf der ISS Gewebe zu züchten. Dies könnte gigantische Fortschritte im Bereich der Transplantationen bringen, Tierversuche könnten überflüssig werden. «Das könnte die nächste industrielle Revolution sein.» 

Brücken und Regelungen 

In Dübendorf sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, um «die Schweiz für die Space economy gut aufzustellen», wie Ullrich sagt. Die Raumfahrt hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht, um die Transport- und Produktionskosten zu senken – nun gilt es die Akteure zu vernetzen. Das bedeutet insbesondere, Brücken zu bauen: Zwischen den Stationen im All und den Produktionsanlagen am Boden, aber auch zwischen der öffentlichen Hand und privaten Firmen sowie zwischen der Forschung und der Industrie. 

Um das Weltall als Wirtschaftsraum zu erschliessen, brauche es schliesslich auch Regeln, erklärt Ullrich auf Nachfrage aus dem Publikum. Der Müll, der im All bleibt oder auf die Erde fällt, stellen nach wie vor ungelöste Probleme dar. Ausserdem werde es «Skyguides» zur Regelung des Verkehrs benötigen, wie wir es von der Luftfahrt kennen. Doch diese praktischen Herausforderungen stehen nicht im Fokus des Referats. Raumfahrtexperte Ullrich appelliert an das Dübendorfer «Mind-Set», wo vor hundert Jahren schon einmal Pionierarbeit geleistet wurde: «Wir dürfen mutig sein. Denn genau so ist die Luftfahrt damals entstanden.»